Büchereiverband Österreichs
Museumstraße 3/B/12
A-1070 Wien

Tel.: +43/1/406 97 22
Fax: +43/1/406 35 94-22
E-Mail: bvoe@bvoe.at

Fenster schließenX

Jahresmeldung

Reichen Sie hier Ihre Jahresmeldung online ein.

Einreichen

Öffentliche Bibliotheken im Parlament

Nächste Veranstaltung

19.04.2017
Perlen sammeln: Neue Belletristik im Fokus

Analyse ortet große Unterschiede – dringender Handlungsbedarf

Wien (PK) – Eklatante Unterschiede innerhalb der Bundesländer, aber auch innerhalb der Regionen sind sowohl hinsichtlich des Angebots als auch hinsichtlich der Nutzung von Öffentlichen Büchereien zu konstatieren. Die Nutzung von Büchereien hängt jedoch nicht nur mit dem örtlich vorhandenen Angebot zusammen, sondern auch mit dem familiären Umfeld. Es bestehe daher ein dringender Handlungsbedarf, insbesondere müsste ein vernünftiges Finanzierungsmodell und ein effizienter Steuerungsmechanismus entwickelt werden. Das sind die zentralen Aussagen des Zwischenberichts der Arbeitsgruppe, die Vorarbeiten zur Entwicklung eines Masterplans für das Öffentliche Büchereiwesen leisten soll.

Die Frage der Zukunft des österreichischen Büchereiwesens stand heute im Mittelpunkt eine aktuellen Aussprache im Kulturausschuss. Zu diesem Thema präsentierte der Leiter der genannten Arbeitsgruppe, Gerald Leitner, Geschäftsführer des Österreichischen Büchereiverbandes, eine Analyse des derzeitigen Bibliothekwesens in Österreich und ortete aufgrund der erhobenen Daten einen „extremen Veränderungsbedarf“. Die Arbeitsgruppe wurde bereits im Jahr 2009 aufgrund des Regierungsprogramms, ein umfassendes Entwicklungskonzept für die Öffentlichen Bibliotheken zu erstellen, eingerichtet. Im Nationalrat wurde darüber hinaus am 31. März 2011 einstimmig ein Entschließungsantrag angenommen, der darauf abzielt, einen „Masterplan für die Entwicklung des Öffentlichen Büchereiwesens“ zu entwickeln.

Schmied zur Situation der Öffentlichen Büchereien: Mangelnde Steuerung ist „Dilemma“

Bundesministerin Claudia Schmied bestätigte das „Dilemma“, wie sie es formulierte, einer mangelnden Steuerung. Bei den Büchereien sei man mit einer extrem uneinheitlichen Landschaft konfrontiert, zumal es eine Vielzahl von unterschiedlichen Trägern gibt. Daher sei die Implementierung eines effizienten Steuerungssystems eine enorm schwierige Aufgabe. Das Büchereiwesen als eine Bundeskompetenz zu etablieren, betrachtet die Ministerin aufgrund der Buntheit dieser Landschaft als nicht sinnvoll, damit könnten auch Privatinitiativen eingedämmt werden, warnte sie. Ein immer wieder gefordertes Bibliotheksgesetz hat daher ihr zufolge in erster Linie die Aufgabe eines Fördergesetzes und eines Kofinanzierungsinstruments. Voraussetzung für eine Kofinanzierung müssten klare Kriterien und Vorgaben sein, womit man auch einen Steuerungsmechanismus in der Hand habe. Außerdem müsse man überlegen, wie man neue technologische Entwicklungen berücksichtigt, merkte sie an.

Für die Büchereiförderung Neu habe man mehr Mittel zur Verfügung gestellt aber auch klare Definitionen für die erforderlichen Qualitätsstandards geschaffen, die die Ausbildung der MitarbeiterInnen inkludieren, erklärte die Ministerin. Der Büchereiverband selbst soll ihren Angaben zufolge eine zentrale Stelle für das Öffentliche Büchereiwesen werden.

Leseverhalten hängt mit örtlichem Angebot und familiärem Umfeld zusammen

In seinen Ausführungen wies Gerald Leitner anfangs darauf hin, dass die österreichischen Büchereien im letzten Jahr ihre Leistungen steigern konnten, die Benutzerzahl stieg um 8,5 % und erstmals konnten über 20 Mio. Entlehnungen registriert werden. Dieser erfreulichen Entwicklung stehe jedoch die Tatsache gegenüber, dass 28 % der Bevölkerung nicht sinnerfassend lesen können, was sowohl ein wirtschaftliches als auch ein demokratiepolitisches Manko mit hohem Gefährdungspotenzial darstellt. Leitner konnte aufgrund des statistischen Zahlenmaterials einen Zusammenhang zwischen der schlechten Lesefähigkeit und dem Buchbestand im Elternhaus feststellen und meinte, hier könnten gut ausgebaute Büchereien einen Ausgleich schaffen.

Dafür sei aber in Österreich noch sehr viel zu tun, da es gemäß einer Bestandsaufnahme in den 2357 österreichischen Gemeinden in großen Teilen des Landes keine Öffentlichen Büchereien gibt. Auch der Buchhandel konzentriere sich auf die Bezirkshauptstädte. In nur 45 % der Gemeinden gebe es ein Angebot an Öffentlichen Büchereien, circa 2 Mio. Personen seien in Österreich weder mit einer Bücherei noch mit einer Buchhandlung versorgt. Es gebe aber auch große Unterschiede unter den Bundesländern, wobei Vorarlberg, Salzburg und Wien einen guten Versorgungsgrad aufweisen – in Vorarlberg haben beispielsweise 93 % der BürgerInnen Zugang zu Öffentlichen Bibliotheken –, die Bundesländer Burgenland und Kärnten jedoch die großen Sorgenkinder seien. Der Zugang zu Öffentlichen Büchereien liegt im Burgenland bei nur 47 %.

Abseits von den großen quantitativen Unterschieden habe man auch enorme Qualitätsunterschiede feststellen können, wobei auch hier Vorarlberg, Salzburg und Wien an der Spitze der positiven Beispiele stehen. Dort orientiere man sich an den vom Ministerium vorgegebenen Qualitätsstandards, sagte Leitner, der auch Tirol und Oberösterreich ein gutes Zeugnis ausstellte. Aus all diesen Befunden könne man erkennen, dass es nicht nur eine „Gnade der Geburt und der Familie“ sei, um Zugang zur Literatur zu haben, sondern dass dies in großem Ausmaß auch vom Angebot im engeren Umfeld abhängt.

Die Nutzung von Bibliotheken stehe aber auch im Zusammenhang mit den dafür ausgegebenen Mitteln, so der Befund Leitners. Im Burgenland und in Kärnten werde durchschnittlich weniger als ein Buch pro Person und Jahr ausgeliehen, in Vorarlberg, Salzburg und Wien betrage der Nutzungsgrad mehr als das 10-Fache.

Als eine der dringendsten Aufgaben bezeichnete es Leitner daher, intelligente Konzepte für Förderungsmodelle und einen effizienten Steuerungsmechanismus zu entwickeln. Ein eigenes Bibliotheksgesetz sieht er nicht als die dringendste Aufgabe, auch wenn er ein solches für notwendig empfindet. Dann müsste es aber effizient sein, betonte er, die zentrale Frage sei jedoch der politische Wille, der mit einem Steuerungsmechanismus eine Veränderung des Bibliothekswesens herbeiführt, bekräftigte er wiederholt. Erforderlich erachtet er auch österreichweite harmonisierte und abgestimmte Qualitätskriterien für die Förderung durch Bund und Länder. Die derzeitige Büchereiförderung, die mit Qualitätsstandards arbeitet, bewertete Leitner als „zartes Pflänzchen, das gepflegt werden muss“. Ein höherer Mitteleinsatz ist ihm zufolge jedoch unabdingbar, die Schule allein könne die anstehenden Probleme hinsichtlich der eklatanten Leseschwächen nicht lösen.

Als Musterbeispiele für die Bibliotheksförderung hob Leitner Finnland und Südtirol hervor, wo wesentlich mehr dafür aufgewendet wird und wo es innovative Konzepte gebe. Man müsse sich seiner Ansicht nach auch etwas überlegen, um die große Zahl der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen (rund 90 %) besser zu unterstützen. Als Gründe für die geringe Zahl an hauptberuflich geführten Bibliotheken nannte Leitner neben der Finanzknappheit auch den fehlenden Steuerungsmechanismus, mangelnde Anreize und die österreichische Gemeindestruktur, die durch Kleingemeinden mit weniger als 5000 Einwohner geprägt ist.

An der Diskussion nahmen die Abgeordneten Elisabeth Kaufmann-Bruckberger (B), Wolfgang Zinggl (G), Ulrike Königsberger-Ludwig (S), Josef Jury (F), Tanja Windbüchler-Souschill (G), Anna Höllerer (V) und Katharina Cortolezis-Schlager teil. 

Parlamentskorrespondenz Nr. 527 vom 21.06.2012