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Was können Bibliotheken in der Corona-Krise?

© Luis Monasterio / Shutterstock.com

Was können Bibliotheken in der Corona-Krise? Cornelia Vonhof gibt Einblick in ein Forschungsprojekt, das seit Frühjahr 2020 an der Hochschule der Medien in Stuttgart durchgeführt wird.

Sie haben ein Forschungsprojekt zu Bibliotheken in der Corona-Krise durchgeführt. Was haben Sie untersucht?

Im März 2020 waren mit dem ersten Shutdown auch die Bibliotheken betroffen. Mein Kollege Tobias Seidl und ich haben uns die Frage gestellt: Was tun Bibliotheken in Zeiten von Corona? Interessiert hat uns, welche Dienstleistungen weiterhin angeboten werden (können) oder welche neu entwickelt werden. Wir haben uns auf die baden-württembergischen Bibliotheken konzentriert und deren digitale Kommunikationskanäle untersucht. Zusätzlich wurden vertiefende Interviews mit 14 besonders innovativen öffentlichen Bibliotheken geführt.

Die öffentliche Bibliothek als Ort der Bildung und Kultur, sozialer Treffpunkt und kommerzfreier Aufenthaltsraum hat unter den Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 gelitten. Was kann die Bibliothek in der Corona-Krise?

Ich möchte nachdrücklich bestätigen, dass die Bibliotheken als Ort der Bildung, der Kultur und als Aufenthaltsort gelitten haben. Diese Veränderung wird von den Mitarbeitenden als großer Verlust empfunden. Es wird aber auch über entsprechende Rückmeldung von den KundInnen nach der Wiedereröffnung berichtet: „Schön, dass Sie wieder da sind!“
Viele Bibliotheken haben schnell begonnen, neue Angebote zu entwickeln. Ein Treiber war dabei sicher, dass die Menschen sehr unter der Situation gelitten haben und die Bibliotheksteams sich überlegt haben, mit welchen Angeboten sie ihre Rolle auch unter Corona-Bedingungen wahrnehmen können.

Mit welchen Herausforderungen sind BibliothekarInnen hauptsächlich konfrontiert?

Zuerst einmal hatten die Bibliotheken mit praktisch-operativen Dingen zu kämpfen: So war erst mit Zeitverzug klar, welche Einschränkungen für Bibliotheken gültig sein sollten. Auch innerhalb des einen untersuchten Bundeslandes gab es Unterschiede, da die Interpretationshoheit über die Landesverordnung von den Kommunen wahrgenommen wurde. An den kommunalen Vorgaben hingen Handlungsoptionen: Darf ein Lieferservice eingerichtet werden? Wie wird mit zurückgegebenen Medien umgegangen?
Weitere Herausforderungen betreffen die Mitarbeitenden: Teilweise wurden sie ins Homeoffice geschickt. Teilweise wurden sie in anderen Verwaltungsbereichen (Krisenstäbe, Hotlines etc.) eingesetzt. Teilweise gab es auch in Bibliotheken Kurzarbeit. Teilweise hatten Bibliotheken mit hohen Krankheitsquoten zu kämpfen oder ein großer Anteil der Mitarbeitenden war der Risikogruppe zuzurechnen. Besonders hart getroffen hat dies Bibliotheken, die mit vielen Ehrenamtlichen arbeiten, die häufig älter sind. Von den Leitungspersonen wurde auch der Umgang mit Ängsten und unterschiedlichen Haltungen zum Thema Corona im Team als große Herausforderung empfunden.
Eine weitere Herausforderung waren die Informationskanäle. Die Social-Media-Kanäle konnten oder durften teilweise nicht so eigenständig und kreativ bespielt werden, wie das nötig gewesen wäre. Die interne Kommunikation wurde durch das Fehlen von Webcams, Mikrofonen oder die Erlaubnis, Videokonferenzsysteme zu nutzen, erschwert.
Schließlich war statt der gewohnten, gründlich vorbereiteten Arbeitsweise nun Spontaneität nötig: „Wie können wir es machen? Okay, wir probieren es aus!“

Welche bestehenden Services bewähren sich auch in dieser Zeit?

Bewährt haben sich digitale Angebote wie die Onleihe oder Filmfriend. Manchen Ortes hat sich die Möglichkeit, diese Dienstleistungen durch Schnupperausweise kennenzulernen, bewährt. Eine Erkenntnis, die sich aber auch durch viele Interviews zieht, ist die Bedeutung des Buchbestands. In dem Moment, als wieder Zugang zu den Regalen möglich war (wenn auch mit strengen Einschränkungen), kamen die Leute wieder und die Liefer- und Abholservices waren fast überall uninteressant geworden.

Welche Angebote werden derzeit ausgebaut oder neu geschaffen?

Hier gibt es eine große Zahl an schönen neuen Angeboten, die die Bibliotheken geschaffen haben. Natürlich die schon erwähnten Medienlieferdienste, die es in unterschiedlichen Spielarten gab. Daneben digitale Vorlesestunden, Online-Trickfilmworkshops, Überraschungstüten für Kinder mit Bastelanleitungen, Online-Beratung für SchülerInnen vor einer Prüfung. Und es gab Bibliotheken, die in ihre Ideen-Schublade geschaut und Dinge umgesetzt haben, die sie schon lange auf der Agenda hatten, wie Video-Tutorials zu erstellen.

Welche der neuen Dienste werden die Pandemie Ihrer Ansicht nach überdauern?

Das scheint für die meisten Bibliotheken eine schwierige Frage zu sein! Deutlich gezeigt hat sich, dass die Lieferdienste nur in nennenswertem Umfang nachgefragt werden, solange der Bibliotheksbesuch nicht möglich ist. Dennoch sagen ein paar Bibliotheken, dass sie diesen Dienst für spezielle Kundengruppen fortführen wollen, vor allem dann, wenn an die Umsetzung neue Partnerschaften geknüpft sind. Häufiger genannt werden Abholservices oder Schnupperausweise.

Inwiefern treibt die Pandemie den Trend zu Digitalisierung und Online-Services weiter an? 

Zum einen treibt die Pandemie interne Veränderungen, weil sich herausgestellt hat, dass die Möglichkeit zur Teilnahme an Online-Konferenzen und der virtuelle Austausch im Team hilfreich sind. Gerade das Thema Homeoffice wird nach meiner Einschätzung auch in Bibliotheken Veränderungen bringen. Die bisher gängige Antwort „Das geht bei uns nicht“ wurde widerlegt. Zum anderen treibt die Pandemie die Digitalisierung im Verhältnis zu den KundInnen. Das betrifft die digitalen Bestände, aber auch die Prozesse vom Bezahlen von Gebühren über Selbstverbuchung, Selbstabholung etc. Letztlich bin ich überzeugt, dass neue digitale Veranstaltungsformate entstehen werden.

Was bedeutet das für die Bibliothek als Ort?

Nach meiner persönlichen Einschätzung wird die Bedeutung des Ortes Bibliothek in den Städten zunehmen. Wir werden voraussichtlich ein weiteres Ausbluten der Innenstädte sehen. Öffentliche, nicht kommerzielle Institutionen gewinnen damit erst recht an Bedeutung. Wir alle haben gemerkt, dass vieles ausgezeichnet online funktioniert, teilweise besser als je gedacht. Wir merken aber auch, dass wir mehr brauchen. Wir brauchen Begegnungen und Anregungen. Dafür braucht es reale Orte, reale Produkte und vor allem reale Menschen. Damit das bei den Entscheidern, die unter enormem Druck stehen, ankommt – auch und gerade in den anstehenden Sparrunden, mit denen übrigens alle der befragten Bibliotheken rechnen –, ist Lobbyarbeit nötig. Dafür müssen die Bibliotheken – mit Hilfe der Verbände – laut werden.

Cornelia Vonhof ist Professorin für Public Management an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Informationen zum Forschungsprojekt „Die Krise als Innovationschance – Der Umgang der Öffentlichen Bibliotheken in Baden-Württemberg mit der Corona-Krise“ finden Sie hier.

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