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Bibliothek Frastanz: Vom Kommen und Gehen

Bei der Preisverleihung: Jurymitglieder Werner Schöggl und Gabriela Stieber, Bibliotheksleiterin Roswitha Tschamon, BVÖ-Geschäftsführer Markus Feigl (v. li.)
© BVÖ/Martin Wiesner

Erstmals hat der Büchereiverband Österreichs im Rahmen des Internationalen Bibliothekskongresses 2018 Preise für innovative Projekte in öffentlichen Bibliotheken vergeben. Der mit 3.000 Euro dotierte Hauptpreis ging an die Bibliothek Frastanz mit dem Projekt „Vom Kommen und Gehen“.

„Vom Kommen und Gehen“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bibliothek Frastanz, des Vereines Domino s’Hus am Kirchplatz und der Marktgemeinde Frastanz in Zusammenarbeit mit dem Integrationsforum „mitanand im Oberland“.

Das Projekt widmete sich den Themen Migration und Flucht. Eine Buchausstellung mit Begleitbroschüre und Veranstaltungen im Herbst 2017 – vom Dorfgeschichte-Rundgang über ein Dorfgespräch mit „Zugereisten“ bis zu einer Projektwoche für Schulkinder – ermöglichten einen neuen Blick auf dieses Phänomen.

„Das Projekt stellt ein aktuelles Thema wie Migration in den Kommunikationszusammenhang einer Bibliothek. Die Einbettung in ein größeres Projekt und die Verknüpfung mit der Ortsgeschichte sind vorbildlich.“ (Begründung der Jury)

Roswitha Tschamon, die Leiterin der Bibliothek Frastanz, erzählt im Interview von ihrem Projekt:

Warum haben Sie das Thema „Flucht und Migration“ gewählt?
In Frastanz wurde das Thema sehr kontrovers diskutiert, so wie auch in der breiten Öffentlichkeit. Neben kritischen Stimmen gab es auch viele Menschen, deren Einstellung sehr positiv war und deren Hilfsbereitschaft uns beeindruckte. Da Christl Stadler, eine langjährige Bibliotheksmitarbeiterin, selbst als junge Frau aus Südtirol nach Frastanz kam, wusste sie nur allzu gut, was es bedeutet, die Heimat zu verlassen und einen Neubeginn zu wagen. Für Frau Stadler waren die Umstände des Ortswechsels positiv, aber trotzdem hat sie die Zeit des Abschieds und Neubeginns immer beschäftigt und manches war schwierig für sie. Deshalb hatte sie die Idee für dieses Projekt und wir wollten das Thema „Vom Kommen und Gehen“ etwas weiter fassen. Es sollte darum gehen, das Leben als Wanderung zu sehen, mit Aufbrüchen, Umbrüchen und Heimatfinden. Auch die innere Migration sollte thematisiert werden: eine Form der Flucht, die das Ausbrechen aus einem unerfüllten Leistungsleben meint, die Suche nach Veränderung, Rückzug oder Neuanfang. Uns war es wichtig, alle Altersgruppen anzusprechen und somit auch für Schulkinder entsprechende Aktionen anzubieten.

Inwieweit ist Frastanz von Zu- und Abwanderung geprägt und wie hat sich das in Ihrem Projekt abgebildet?
Frastanz ist seit Jahrhunderten von Zu- und Abwanderung geprägt. Als Wirtschafts- und Industriestandort ist Immigration, also der Zuzug von außen, für die Gemeinde schon seit dem 19. Jahrhundert sehr wichtig. Inzwischen leben in Frastanz Menschen aus 58 Nationen, was einen respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander erfordert. Wir wollten der Frastanzer Bevölkerung durch unser Projekt einen neuen Blick auf das Thema „Kommen und Gehen“ ermöglichen. Deshalb wählten wir Veranstaltungen, die Migration und Immigration als seit jeher zu Frastanz gehörige Prozesse zeigten.

(c) Henning Heilmann
(c) Henning Heilmann

Weshalb eignen sich Bücher besonders gut, um dieses Thema zu vermitteln?
Mit Büchern kann es gelingen, Menschen auf persönliche Weise anzusprechen und den Austausch untereinander und in Gruppen anzuregen. So verschieden unsere Leserinnen und Leser sind, so unterschiedlich ist auch das Angebot an entsprechender Literatur. Neben Biografien, Dokumentationen und weiteren Sachbüchern gibt es zahlreiche Romane, die sich unserem Thema nähern. Unser Büchertisch wurde mit vielen Sachbüchern bestückt, die Menschen ansprechen, welche sich gerne faktenbezogen mit dem Thema auseinandersetzen. Mit zahlreichen Biografien konnten wir ein Bild über Einzelschicksale vermitteln. Daneben präsentierten wir viele Romane, in denen auch die innere Migration thematisiert wurde. Uns war es wichtig, den Büchertisch mit einer Buchpräsentation zu eröffnen. An verschiedenen Tischen wurden zwei oder drei Bücher genauer vorgestellt und so wurde eine Diskussion über Heimat, Abschied und Hoffnung angeregt. Dieses Buchpaket stellen wir gerne weiteren Bibliotheken zur Verfügung, die ein derartiges Projekt planen.

Was war ein besonders gelungener Moment in dem Projekt?
Besonders ergreifend war der Eröffnungsabend. Gemeindearchivar Thomas Welte warf bei einem Vortrag einen geschichtlichen Blick auf die Ein- und Auswanderung der letzten 200 Jahre. Eine junge Mutter aus Syrien las aus ihrem Buch „Von Syrien nach Frastanz“ vor und beschrieb ihre dramatische Flucht. Zwei Frastanzer Autorinnen trugen danach ergreifende Texte vor, die unter dem Titel „Das Fremde in mir“ sowie „Heimat“ von Sehnsüchten, Hoffnungen und dem Suchen nach den eigenen Wurzeln handelten. Mit der Buchpräsentation und dem Büchertisch ergab sich bis zum Ende des Abends ein sehr buntes Bild zum Thema „Kommen und Gehen“. Neben der ganzen Dramatik des Abschieds und Verlustes wurde Mut, Hoffnung und Vertrauen sichtbar und im Raum spürbar. Wir wünschen uns, dass dieses positive Gefühl auch in Zukunft vorrangig bleibt und den Umgang mit dem Thema „Flucht und Migration“ prägt.

Bibliothekswebsite: www.bibfrastanz.bvoe.at

Mehr Informationen zum Preis und allen ausgezeichneten Projekten finden Sie hier und in den Büchereiperspektiven 2/18

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