Page 5 - BP_1_17
P. 5
LESEN ALS CHANCE I SOZIALISATION UND MOTIVATION Lesesozialisation Frühe Leseerfahrungen können prägend sein, sie festi- Studien gen die Einstellung zum Buch oder stufen durch (feh- PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Com- lende) Lesevorbilder die Wichtigkeit des Lesens ein. Sie petencies) erhebt grundlegende Kompetenzen von 16–65-Jährigen bestimmten somit, ob die Aktivität Lesen auch mit Spaß im internationalen Vergleich. verbunden ist und schaffen dabei die Grundlage für Lese- PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) erfasst alle gewohnheiten. Umso wichtiger ist die frühe Leseförde- fünf Jahre die Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern der rung: „Es gibt sogenannte Vorläuferfertigkeiten, die eine 4. Schulstufe. Österreich sowie weltweit etwa 45 Länder sind Teil wichtige Grundlage für den Erwerb der Schriftsprache der Studie. bilden. Solche Fertigkeiten können Bibliotheken för- PISA (Programme for International Student Assessment) misst seit dern, etwa durch Angebote zur frühkindlichen Leseför- 2000 im Abstand von drei Jahren in den meisten Mitgliedstaaten der derung wie Reimen, Singen, Fingerspiele, Bilderbücher OECD und weiteren Partnerstaaten Kenntnisse und Fähigkeiten in anschauen und Vorlesen“, so Ute Krauß-Leichert (siehe den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Seite 6) in einem Gespräch über Lesemotivation und Leseleistung. Wenn die frühe oder familiäre Lesesozialisation fehlt Einzelnen hinaus unterstützen sie damit das gesamtge- und dieser Umstand in der Schule nicht ausgeglichen sellschaftliche Vorankommen. werden kann, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sich keine guten oder ausreichenden Lesefähigkeiten Lesen als Chance aneignen können. Schlechte Lesekompetenz wiederum In dieser Ausgabe der Büchereiperspektiven finden Sie wird oft tabuisiert, Kinder wie Erwachsene mit geringen verschiedene internationale Projekte zur Leseförderung, Lesefähigkeiten schämen sich häufig dafür und verste- unter anderem: Mobile Büchereien in Nicaragua und cken diese. Lesen zu können ist allerdings eine grundle- Frankreich, die für die Menschen, die sie beliefern, oft- FOTO: TOMSICKOVA TATYANA/SHUTTERSTOCK.COM ist eine Schlüsselkompetenz in unserer Informations- und Weiterbildung darstellen. Projekte aus Südafrika, die das mals den einzigen Zugang zu Büchern und persönlicher gende Voraussetzung, um Zugang zu Bildung zu haben. Es Lesen in der eigenen Muttersprache ermöglichen und för- Wissensgesellschaft, ohne die eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben kaum möglich ist. dern, werden vorgestellt. In Palästina werden Bibliothe- ken zum sicheren Raum des Lesens, in dem es möglich Lesemotivation in Deutschland präsentiert, die „Family Literacy“ etab- Umso wichtiger ist es, dass sich unabhängige, außer- liert. Manche Bedingungen, unter denen die verschiede- schulische Institutionen dafür einsetzen, dass ein nieder- ist, sich frei auszudrücken. Außerdem wird eine Initiative schwelliger Zugang – unabhängig von familiären, struk- nen Projekte arbeiten, sind in Österreich kaum vorstell- turellen oder politischen Settings – zu Büchern geboten bar. Umso mehr zeigen sie aber, wie wichtig das Lesen wird. Das Lesen selbst und gute Lesekompetenzen zu ist und wie viel Hoffnung Literatur spenden kann. Selbst erlangen ist vor allem eines: Übung. Je lieber man etwas wenn die Ausgangslage nicht übertragbar sein mag – das tut, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es Engagement und die Hingabe zur Sache sind universell. auch wiederholt. Nur durch innovative und einfallsreiche Es lassen sich viele Anknüpfungspunkte und sicherlich Aktionen und Initiativen kann bei zögerlichen LeserInnen, auch Motivation für die Arbeit in den Öffentlichen Büche- die ob der eigenen Fähigkeiten unsicher sind, Lesemoti- reien in Österreich finden. vation geweckt werden. Außerschulische Institutionen haben die Möglichkeit, eine Kultur des Lesens zu etablieren, Lesekompetenzen zu stärken und Lesegewohnheiten zu festigen. Dadurch können sie für die einzelne Person vieles ermöglichen und unterstützen: eigenständiger Zugang zu Informationen, Katharina Portugal ist Mitarbeiterin des Büchereiverbandes Büchereiperspektiven 1/17 kritisches Denken, persönliche Entwicklung. Über den Österreichs. 3
   1   2   3   4   5   6   7   8   9   10