Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare

Veranstaltungen - Abstracts

BücherFrauenBibliotheken

Zeit:Freitag 10. November bis Sonntag, 12. November 2006
Ort: Dr.Karl Renner-Institut, Khleslplatz 12, 1120 Wien Bruno Kreisky - Saal
Eingang: Gartenhotel Altmannsdorf, Hoffingergasse 28, 1120 Wien
Programm und Leitung: Monika BARGMANN, Verena BRUNNER, Gina JANK, Martina LAMMEL, Madeleine WOLENSKY
Susanne Blumesberger: "Schreibend Wurzeln finden. Am Beispiel der Bibliothekarin und (Tagebuch-) Autorin Inga Joseph"
Inga Pollak wurde am 9.3.1927 in Wien geboren. Sie besuchte ein Jahr lang die Schwarzwaldschule und wechselte dann zwangsweise in die Schule für jüdische Kinder in der Sechskrügelgasse.
Am 22. Juni 1939 floh sie mit einem Kindertransport nach England, wurde mit ihrer Schwester Lieselotte von einem kinderlosen Ehepaar aufgenommen. Kurz darauf wurde die Frau jedoch schwanger und wollte die beiden Pflegekinder nicht mehr behalten. Die beiden wohnten dann bei zwei älteren Damen. Ihr Ziel war es, so schnell wie möglich "englisch" zu werden und sich zu integrieren, ihre Herkunft versuchte sie, ihren eigenen Aussagen nach, zu verleugnen. Sie besuchte in Falmouth, Cornwall die Schule bis 1944 und anschließend ein zweijähriges Secretarial College in Oxford, 1968-1971 absolvierte sie eine Ausbildung zur Deutschlehrerin. Sie ließ sich taufen und sagte auch ihrem Mann lange Zeit nichts von ihrer jüdischen Herkunft. Inga Joseph arbeitete als Bibliothekarin, zunächst in der Oxford Public Library, danach an einer College Library der Universität Oxford und danach beim Blackwell's Bookshop. Am besten gefiel ihr die Arbeit nach eigener Aussage beim Antiquar Rosenthal. 1963 zog sie wegen des Berufes ihres Mannes, eines Wissenschaftlers, der eine Stelle an der dortigen Universität erhielt, mit ihm und ihrem Sohn, nach Sheffield. Nach einer Ausbildung zur Lehrerin unterrichtete sie von 1971 bis zur Pensionierung 1991 Deutsch an einer Gesamtschule (Waltheof, Rowlinson) und war in der Erwachsenenbildung tätig.
Sie hat ihr ganzes Leben Tagebuch geführt, ein Teil davon wurde unter dem Pseudonym Ingrid Jacoby mit dem Titel "My darling Diary. A wartime journal — Vienna 1937-39, Falmouth 1939-44" 1998 veröffentlicht, der zweite Band wird noch heuer erscheinen.
Außerdem verfasste sie auch Kindergeschichten, die wie die Übersetzung von Gedichten von Erich Kästner nicht veröffentlicht wurden, und auch ein interessantes Deutschlehrbuch, das unter dem Titel "Deutsche Kinder schreiben" bei Macmillan 1980 publiziert wurde.
Inga Josephs Biografie soll stellvertretend für alle ÖsterreicherInnen stehen, die sich mit einem Kindertransport getrennt von ihren Eltern in das Ausland retten konnten. Hier ein paar Statements von Inga Joseph:
"Meine Mutter wußte nicht, daß ich nie Österreich verlassen wollte; ich wäre viel lieber bei ihr geblieben und mit ihr in einem Konzentrationslager gestorben; ich dachte mir, das hätte kurz gedauert und bei mir so lange..."
"It is very satisfying to have the whole of my life written down so that my experiences are preserved"
(Sheffield Telegraph, 14.3.1997)
"When I was ten years old I just assumed that everyone wrote a diary and I was aware that I was experiencing something that should not be forgotten. But as time went on writing became a necessity. When you are unhappy, it is very important to write. That's probably why there are more sad books around than happy ones" [...] "When I look back, I haven't changed. I'm still immature. I haven't moved on. I think that must be because I was uprooted. I still like milk chocolate and playing games" [...] "If I could have a wish, it would be that I could have been born in England and had an ordinary life. It's a perfect country to live in politically. It also has the best culture and literature in the world. Vienna is a foreign city to me now. I don't know my way round and I feel like a tourist there. Occasionally I visit but it's very painful." [...] "I'd rather be remembered as a diarist rather than a refugee. My diary is a chronicle of our time and I hope that there's something in it from which people might benefit in some way. Writing to me is like eating, sleeping and drinking. It's part of my way of life. I do try to make it literature. It's almost not a diary. And I feel so much better after I've done it. It's very therapeutic. Like taking a hot bath"
(Sheffield Telegraph, 11.12.1998)
"I feel ashamed to be Austrian because it makes me part of a country which laid itself down and welcomed the Nazis. I despise that, and when I go to Vienna, I feel like a tourist. I feel to hide my past because it underlines the fact that I am not British. I wish I'd been somebody else, without this history, without the loss of a beloved mother, without the label of refugee that you carry for life. You're a prisoner of your own past"
(Yorkshire Post, 27.1.2004, S. 13)
Irén Borbála Elekes: "Bibliothekarinnen in Ungarn"
Die Datenbank "Ungarischer und internationaler Artikel" wird von dem Bibliotheksinstitut in der Széchényi-Nationalbibliothek gebaut und erweitert. Seit 1986 beinhaltet sie das Material ausländischer Zeitschriften für Buch-, Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Die Referentin hat die Artikel der letzten 20 Jahren durchgelesen und bearbeitet, wie sie über die Frauenarbeit, -chancen im Bibliothekswesen berichten. Die Mehrheit der Artikel stammen von Autor/innen in Englisch, ein kleinerer Teil in Deutsch. In anderen Sprachen, so zum Beispiel in Ungarisch gibt es nur einige Artikel zu diesem Thema.
Die Referentin sucht in ihrer Vorlesung die Antwort auf die Frage, worin die Ursache stecken kann, dass die Stellung der Bibliothekarinnen in der öffentlichen Sprache des Bibliotheksberufs in Ungarn zu keinem bedeutungsvollen Thema wurde. Zum Schluss gibt sie eine auch weltweit bedeutende Büchersammlung, die "Magyar Asszonyok Könyvtára" (Bibliothek Ungarischer Frauen) bekannt, die im Jahre 1888 in Budapest gegründet wurde, und die in der Széchényi-Nationalbibliothek aufbewahrt ist.
Christina Köstner: "Bibliothekarinnen in der Österreichischen Nationalbibliothek"
Erst gegen Ende der Monarchie wurde die erste Frau als Hospitantin in der Nationalbibliothek aufgenommen. Christine Rohr (1892 — 1961) war schließlich die erste Frau, die 1919 in den akademischen Dienst der NB aufgenommen wurde. In der NS-Zeit durften Akademikerinnen auf aus­drück­lichen Wunsch Hitlers nicht für den höheren Dienst vorgeschlagen werden. Doch gerade die Frauen hielten während des Zweiten Weltkrieges den Betrieb der Bibliothek aufrecht. Erst in den 50er Jahre konnten Bibliothekarinnen leitende Positionen einnehmen. Magda Strebl wurde als erste Frau 1986 zur Generaldirektorin der National­bibliothek ernannt und leitete diese bis 1993. Heute steht mit Johanna Rachinger wieder eine Frau an der Spitze der Palatina am Josefsplatz.
Wie war die Situation der Frauen an der Österreichischen Nationalbibliothek vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und welche Möglichkeiten hatten die Bibliothekarinnen in dieser Institution? Wie konnte die Bibliotheksarbeit während des Zweiten Weltkrieges aufrechterhalten werden? Welche Probleme stellten sich in der Bibliothek nach 1945 und welche Rolle spielten die Frauen in der Österreichischen Nationalbibliothek in diesem Zusammenhang? Antworten auf diese Fragen ergaben sich aus den Recherchen im Rahmen des vom FWF finanzierten Projektes über die Geschichte der Österreichischen Nationalbibliothek zwischen 1938 und 1945 unter der Leitung von Univ.Prof. Dr. Murray G. Hall.
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