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Türkische Kinderliteratur
Ein gekürzter
Text von:
Pervin
Tongay
Freie Universität
Berlin,
Institut für Turkologie
Entwicklungen in der Türkischen Kinderliteratur
Der Beginn
der Türkischen Kinderliteratur wird von Pervin Tongay ab Mitte 19. Jahrhundert
mit dem Buch „Nuhbetül-Etfal“ von
1859 angenommen. Das Buch enthält neben dem Alphabet auch Geschichten für
Kinder und Übersetzungen von europäischen Fabeln. In Versform abgefasste
Moralhefte wie „Hayri’ye“ von Nabi
aus dem Jahr 1701 und „Lütfiye“ von
Vehbi aus dem Jahr 1791 sieht sie als erste Werke für Kinder an. Neben diesen schwer
lesbaren Werken waren aber eher die orale Literaturform mit den Geschichten von
„Dede Korkut“, „Köroglu“ und „Karagöz“
sowie „Nasreddin Hoca“ bedeutend. Eine
wichtige rolle spielten Märchen. spielten eine wichtige Rolle im Leben der
Menschen, wie sie Pertev Naili Boratav sammelte. Das Buch „Billur Kösk“ aus dem Jahr 1781 war die früheste Märchensammlung.
In der heutigen
Türkei entwickelte sich das westliche Verständnis des Kindes erst viel viel
später. Während der Tanzimatzeit 1839 beginnt das Interesse für Kinderliteratur,
da zu dieser Zeit eine politische, ökonomische und kulturelle Orientierung am
Westen stattfindet. Es entstehen Lehrerkollegs. Autoren schreiben für Kinder und
publizieren in Zeitungen und Zeitschriften. „Mümeyyiz“, die erste Zeitschrift
für Kinder, erscheint 1869 (danach: Cocuklara mahsus gazete, Cocuk dünyasi).
Nach der Zweiten Mesrutiyet (konstitutionelle Verfassung) im Jahr 1908 wird die
Wichtigkeit von Musik, Literatur und Theater für die Erziehung der Kinder entdeckt
und pädagogische Kinderbücher mit vielen Gedichten dun Fabeln auf Türkisch entstanden.
Vorher war in Persisch und Arabisch geschrieben worden. angewandt. Die Reformen
nach der Republikgründung 1923 brachten einen weiteren Schub. Überall wurden Schulen
eingerichtet und das erste Kinderlexikon erschien 1927, ein Jahr vor der
Schriftreform. Ab 1940 stieg das Interesse für Kinderbücher rapide an und es l
wurden nun auch Grundschulbücher für Kinder veröffentlicht, überwiegend Übersetzungen
aus europäischen Werken oder um Adaptionen. In den späten 40er Jahren
erschienen Zeitschriften wieder auf dem Markt. „Dogan Kardes“ (1945) enthielt
neben Geschichten, Fabeln und Anekdoten auch Spiele, Bilder und Comics. Die
erste Generation von Lehrern machte sich zur Aufgabe, Lesefreude beim Kind zu
wecken und Buch und Zeitschrift in den Unterricht zu bringen. Später rückte das
Interesse auch in den Vorschulbereich vor und es entstanden Kleinkinderbücher,
wieder überwiegend Übersetzungen und Adaptionen. Im Mittelpunkt stand die
Bemühung um Erziehung und nicht das Kind als Subjekt es regierte sozusagen der
erhobene Zeigefinger, was sich erst ab den 70er Jahren ändern sollte. Seit den
90er Jahren gibt es einen neuen Trend. Kinderbuchautoren orientieren sich nun
mehr und mehr an der Wirklichkeit des Kindes und eine Annäherung zu
fortschrittlichen europäischen Werken. Zeitgleich kommt es auch zu einer
besseren Qualität der Herstellung.
Die eigentliche
Entstehung einer sogenannten unabhängigen Literaturform ist somit erst für das
Ende der 80er und den Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts anzusetzen, die
Kinderliteratur gewann mehr an Bedeutung. Verlage veröffentlichen mehr und mehr
Kinderbücher. Trotzdem ist diese positive Entwicklung gemessen an der
Prozentzahl der Kinder in der Bevölkerung eher gering. Die Zahl der
einheimischen Kinderbücher beträgt 25%. Davon sind dann aber gerade 5% wirklich
wertvoll, in dem Sinne, dass sie die
modernen Kriterien erfüllen und den Anforderungen der neuen Sichtweise gerecht
werden.
Die Zahl der
lesenden Bevölkerung ist in der Türkei sehr gering. Laut einer Statistik der
UNESCO aus dem Jahre 2001 fallen auf eine Person 17 Bücher. Das Ministerium für
Kultur gibt an, dass die Leserzahl der staatlichen Bibliotheken in den letzten
fünf Jahren um 62 % zurückgegangen ist. Dies hat nicht nur sozio-ökonomische
Ursachen, sondern ist in der allgemeinen Einstellung zur Literatur zu suchen.
Andererseits stieg die Zahl der Kinderbuch-Verlagshäuser in den letzten zehn
Jahren um 73 % und damit die Zahl der veröffentlichten Kinderbücher
(durchschnittlich um die 1.600 Kinderbücher jährlich). Die Vielfältigkeit in
der Themenwahl und Gestaltung stieg parallel dazu sogar um 216 % an. Dennoch,
verglichen mit der Prozentzahl der Kinder ist diese noch so positiv wirkende
Entwicklung nicht zufriedenstellend. Es gibt immer noch Kinder in der Türkei,
die außer Schulbücher keine weiteren Bücher lesen oder kennen. Die Leserschaft
unter den Kindern liegt unter 5 %. Ein anderer wichtiger Punkt ist auch die
Tatsache, dass es sich bei der Mehrzahl der veröffentlichten Kinderbücher ja
auch nicht um qualitativ gute Bücher handelt. Viele enthalten keinerlei bzw.
schlechte und ungenügende Illustrationen. Dabei haben Kinderzeichnungen eine
große Bedeutung für die Kinder; sie sprechen eine eigene Sprache. Der Markt
wird immer noch von völlig verkürzten und bis zur Unkenntlichkeit veränderten
Geschichten des „Nasrettin Hoca Fikralari“, „Keloglan Masallari“, „Dede Korkut
Hikayeleri“ und Fabeln von La Fontain beherrscht.
Religiöser Einfluss in der Kinderliteratur
Trotz der neuen
Entwicklungswelle sind in Kinderbüchern der 90er Jahre aber auch islamistische Tendenzen
zu beobachten. Publikationen von Kinderzeitschriften, Büchern, Video- und
Tonmaterial sind in den vergangenen Jahren außerordentlich gestiegen. Kinder
zählen zu den begehrtesten Adressanten säkularer, traditionalistischer und
islamitischer Verlage. Dabei reicht das Spektrum der veröffentlichten
Erzählstoffe für Kinder von blinder Nachahmung westlicher Wertmaßstäbe bis hin
zur radikalen Ablehnung westlicher Normen und demzufolge westlicher Didaktik.
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