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Evaluationsstudie zum Familien-Lernhilfe-Projekt
1)
Die Einleitung
„Wer früher fördert, fördert besser.
Beim Schuleintritt, also mit sechs Jahren,
sind Sprachen und Begabungsprogramme
doch verflixt spät.“
Im Dezember 2004 schockten die Ergebnisse der PISA-Studie 2003
das offizielle Österreich. Schon vor der Freigabe der Ergebnisse
war ein heißer öffentlicher Diskurs zum „Test-Absturz“
entstanden:
„Schulmisere. Die
traurige Stunde der Bildungswahrheit: Nur mehr Rang 19 bei
Lesekompetenz, Absturz auf Rang 20 bei Naturkunde, Platz 15 bei
Mathe.“
Umgehend wurden Schuldige gesucht und gefunden: die Kinder mit
nichtdeutscher Muttersprache. So schrieb die Tiroler
Tageszeitung am 27. November 2004:
„Sowohl Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) und
FPÖ-Bildungssprecherin Mares Rossmann als auch
Lehrer-Gewerkschafter machten auf die ansteigende Anzahl
von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache an den Schulen
aufmerksam.“ (Infografiken demonstrierten den Zuwachs
beeindruckend)
Diese Reaktionen waren mehr als ungerecht, denn schon
laut
PISA-Studie 2000
schnitten die Kinder von Einwanderern in Österreichs Schulen
signifikant schlechter ab, als die Kinder der einheimischen
Bevölkerung. Die durch die alarmierenden Ergebnisse vom
Ministerium 2001 eilig ins Leben gerufene Aktion „Lesefit“ hatte
offensichtlich noch keinerlei Auswirkungen auf das zweite
PISA-Ergebnis. Darüber hinaus konnte wohl kaum ernsthaft
erwartet werden, dass die 2003 von den Regierungsparteien im
Parlament beschlossene „Schülerentlastungsverordnung“ sowie die
Lehrerfrühpensionierungen ohne Nachbesetzungen im Herbst 2004
eine Besserung der Situation herbeiführen würden.
Freilich, in Orten mit einem überdurchschnittlichen Zuwachs an
Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache begannen Schul- und
Kindergartenbehörden hektische Experimente mit zusätzlichen
kompensatorischen Angeboten. So etwa in Reutte, Imst und Telfs
im Tiroler Oberland. Die Tiroler Tageszeitung informierte z.B.
am 7. Juli 2004 unter der Überschrift „Achtzig Kinder und zwei
Sprachen“ über eine Aktion zur besseren Integration türkischer
Kinder, die die größte und am raschesten wachsende Sprachgruppe
bilden:
„An die 20 Kinder
mit türkischer Muttersprache werden im Herbst den Kindergarten
Oberstadt (Imst) besuchen. Ihre sprachlichen Schwierigkeiten
sollten bis zum Eintritt in die Schule abgebaut werden. … Das
Projekt, das auch bereits in Kindergärten in Reutte und Telfs
läuft, wird vom Land Tirol mit 60 Prozent gefördert, den Rest
bezahlt die Gemeinde. Und auch die Eltern der betroffenen Kinder
werden zur Kasse gebeten: vier Euro pro Monat und Kind. Dafür
bekommen die Kinder an vier Nachmittagen Unterricht in Deutsch
und Türkisch. … Unterrichtet werden die
Kinder von
Fatima Bidav. „Sie spricht perfekt Türkisch und Deutsch.““
Dass
diese Konzepte das eigentliche Problem nicht lösen, zeigt ein
Beitrag in der Imster Lokalzeitung RUNDSCHAU, vom 19. Jänner
2005. Da heißt es unter dem Titel. „Wunschlisten für die
Integration – Erstes Integrationstreffen im Bezirk Imst“:
„Zentrales Problem, so
waren sich alle Teilnehmer einig, ist die Sprachbarriere: vor
allem türkische Frauen habe oft wenig Gelegenheit, Deutsch zu
lernen oder zu üben. Auch der Deutschunterricht, der im
Kindergarten Oberstadt, unterstützt von einer türkisch
sprechenden Kindergärtnerin, abgehalten wird, ist großteils
sinnlos, wenn nicht die Eltern ihren Teil dazu beitragen.“
Den
Entscheidungsträgern und Bildungspolitikern fiel es
offensichtlich nicht ein, einmal das Gespräch mit Menschen zu
suchen, die die Problematik aus eigener Erfahrung und einer
gewissen historischen Distanz sehen. So fragte eine Frau in
Ankara, die mit drei Jahren nach Deutschland auswanderte, dort
bis zu ihrem 14 Lebensjahr lebte und gut Deutsch lernte, danach
aber wieder in die Türkei zurück zog und so zweimal das Problem
des Umlernens hatte, zum Ergebnis des Imster
Integrationstreffens:
„Wozu eine Türkisch sprechende Kindergärtnerin? Hier in der Ernst Reuter
Schule
der deutschen
Botschaft (in Ankara, MH.) gibt es auch für türkische Vorschüler
2 x in der Woche Deutschunterricht. Soll auch nicht viel nützen,
weil die Lehrerin Türkisch kann. Besonders im Kindergarten muss
man doch nicht gleich übersetzen, sondern hat viele
Möglichkeiten ein Wort anderes zu erklären.“
Und
dann bringt sie zwei weitere Aspekte in die Diskussion ein, die
erst wirklich auf das Problem hinweisen, um das es eigentlich
geht:
„Vor 15 Jahren, als ich in Deutschland war, konnten die türkischen
Jugendlichen kaum Türkisch und leider auch nicht sehr gut
Deutsch. Hier in der Türkei gibt es auch viele Menschen, die
ihre Muttersprache nicht beherrschen. Die Türken lesen nicht
viel. Wenn man (in der Türkei) in der Schule erfolgreich sein
will, muss man gut auswendig lernen können und danach möglichst
alles vergessen. Gerade heute ist es viel schwerer Jugendliche
zum Lesen zu überreden. Sie sitzen lieber am PC...“
Das Problem, das in den Ergebnissen der PISA-Studie zutage
tritt ist also nicht sosehr, dass die türkischen Frauen schlecht
Deutsch sprechen, sonders dass die Kinder in der Familie weder
in der Muttersprache noch in der deutschen Sprache optimal
gefördert werden. Das Lesen ist in vielen türkischen Familien
nicht tägliche Routine – wie übrigens auch in vielen
deutschsprachigen, wie die PISA-Studie ebenfalls verdeutlicht.
Hinzu kommen der Unterschied zwischen dem türkischen und dem
österreichischen Schulsystem und Lernumfeld sowie der
Stellenwert, der dem Lesen und der Bildung im weitesten Sinne in
der türkischen Gesellschaft zukommt.
Daraus ergibt sich folgende Fragestellung:
Was kann in der gegebenen Situation der Mittelkürzungen,
Stunden- und Lehrerstreichungen und der durch die zwei
PISA-Studien neu aufgeflackerten Schuldiskussion für diese
schwächsten Glieder der österreichischen Bildungskette konkret
getan werden, um eine nachhaltige Besserung ihrer
Chancengleichheit und somit eine echte Integration zu erreichen?
Einer Beantwortung näher kommen wollte das
Familien-Lernhilfe-Projekt der Cin Ali Lernklub -
Bibliothek (formeller Träger: die Kinderfreunde -
Landesorganisation Tirol, Projektleiterin: Monika Himsl).
Dr. Kurt Scholz, Ex-Stadtschulratspräsident
von Wien, zitiert in:
NEWS
50/2004: „Rote Karte für alle pädagogischen
Parallelaktionen“, S. 32.
PISA – Programme for International Student Assessment
(Programm zur Messung und zum internationalen Vergleich von
Schülerleistungen):
PISA ist ein
1998 begonnenes, gemeinsames Projekt aller 30 OECD-Staaten,
um in regelmäßigen Abständen verlässliche
Qualitätsindikatoren zum Vergleich der Effektivität der
verschiedenen Schulsysteme zu gewinnen. In einem
3-Jahres-Zyklus werden (seit PISA 2000) in diesen Ländern
standardisierte Leistungsmessungen in einem Altersjahrgang
von Schülerinnen und Schülern durchgeführt, der gezielt die
15-/16-Jährigen erfasst (am Ende der Pflichtschulzeit).
Quelle: http://www.pisa-austria.at/infoseite.htm
1)
Die Projektbeschreibung
Aufbauend auf die Ergebnisse des Pilotversuches des
vorangegangenen Schuljahres
versucht die Projektleiterin im Wintersemester 2004/2005
noch genauer die Bedürfnisse der Zielgruppe zu ermitteln. Im
Mittelpunkt steht dabei nicht die Feststellung und
Festschreibung der Schwächen einer bestimmten Schülergruppe,
sondern die Ermittlung ihrer Besonderheiten und Stärken, sowie
die sich daraus ergebende Konsequenzen.
Was
heißt dies?
Schon
in
der Sprachbarrierendiskussion der Sechzigerjahre wurde
„festgestellt“,
„dass Kinder aus unteren sozialen Schichten im deutschsprachigen
Raum auch Kinder, die einen Dialekt als Muttersprache sprechen
in den an Mittelschichtnormen und an der Hochsprache
orientierten Schulen benachteiligt sind.“ (Bernstein 1970,
Oevermann 1972, zitiert von De Cilla 1998)
Was demnach für die sozial benachteiligten Kinder oder Kinder
mit starkem Dialekt gelte, das gelte in noch viel größerem
Ausmaß für die Kinder und Enkel von „Gastarbeitern“. Sie haben
nämlich quasi ein doppeltes Handicap: das eines niedrigen
sozialen Status UND das der Zugehörigkeit zu einer
Sprachminderheit mit niederem Prestige. Das mache sie zu einer
besonders förderungswürdigen Gruppe, wie einer der führenden
Bildungsforscher Österreichs feststellt, denn:
„Bei Minderheitenangehörigen, deren Muttersprachen gefährdet
sind, und das ist in der Situation der Migration in der Regel
der Fall, ist deren Förderung im Erziehungssystem besonders
nötig.“ (De Cilla, 1998, S. 4).
Unter diesen Annahmen zeigten die Erkenntnisse der Cin Ali
Lernklub - Pilotprojekte des Jahres 2003/2004, dass bei
Kindern aus zweisprachigen türkisch/kurdischen Familien
eigentlich sogar von einem dreifachen Handicap ausgegangen
werden könnte. Zu den Handicaps des „niederen sozialen Status“
und der „Sprachminderheit mit niederem Prestige“ käme noch das
Handicap der Drittel- bzw. Viertelsprachigkeit hinzu, das
logischerweise zu massiv erhöhten Lernproblemen führen müsste.
Da zudem die Schüler mit einer anderen Muttersprache als Deutsch
in der Schülerstatistik einfach nach ihrem Herkunftsland
kategorisiert werden, könnten natürlich die Kindergärtnerinnen
und Lehrpersonen keine Rückschlüsse auf eine eventuelle
Zugehörigkeit etwa zum kurdischen Kulturkreis ziehen, was zu
einem Verkennen des Problems führen würde.
Mit einer solchen Betrachtungsweise wäre einerseits ein
„Problem“ festgestellt, das nicht zu lösen wäre, da es von den
Akteuren gar nicht als solches zu erkennen wäre: eine nicht
erkennbare Erstsprache bei kurdischsprachiger Kindern kann
schwerlich bei deren Förderung berücksichtigt werden.
Andrerseits sind auch erkennbare Probleme, wie die
Halbsprachigkeit türkischsprachiger Kinder nicht lösbar,
solange Fördermöglichkeiten in der Erstsprache aufgrund von
nicht erfüllbaren Schülerquoten oder des Informationsmangels der
Eltern und Lehrer nicht in Anspruch genommen werden können.
Deshalb wurde bei dieser Untersuchung ein anderer Zugang
gesucht. Mehrsprachigkeit wird in jedem Fall positiv
bewertet, egal ob die Erstsprache (und fallweise weitere andere
Familiensprachen) eine Sprache des Fächerkanons der Schule ist
und ein hohes Sprachprestige hat oder nicht. Erst diese
Perspektive erlaubt eine andere Interpretation der Ergebnisse
PISA-Studie: nicht die betroffenen Kinder haben das Handicap,
denn sie sind nachweislich mit Mehrsprachigkeit begabt. Es ist
das Schulsystem oder das Elternhaus, das diesen Schatz nicht
optimal zu fördern versteht und somit verkümmern lässt.
Methoden, Materialzugang
Unter diesen Vorannahmen wurden mit der Methode der
teilnehmenden Beobachtung in zwölf Projektfamilien in einer
fünfmonatigen Feldforschung spezielle Angebote für diese zwei-
bis viersprachige Schülergruppe erarbeitet und erprobt. Die
Integrationsabteilung des Landes Tirol stellte für die
Durchführung des Projektes Fördermittel in der Höhe von € 2000,-
zur Verfügung. Weitere Subventionsansuchen wurden an die
Arbeiter- und Wirtschaftskammer gestellt aber abgelehnt. Das
ist interessant, würde doch gerade bei diesen beiden
Pflichtkörperschaften ein reges Interesse an der besseren
Integration ihrer Klienten erwartet.
Arbeitsplan
Die zwölf Familien mit ca. 20 teilnehmenden Kindern sollten ein
Semester lang ein bis zweimal wöchentlich von der mehrsprachigen
Wanderbibliothek besucht werden und Lese- und Lernanimation
erhalten. Die dabei entstehenden Daten (entlehnte und
vorgelesene Bücher, Besuchshäufigkeit und Dauer, Art der
Lernhilfe, Auswirkungen auf den Schulerfolg) sollen durch
teilnehmende Beobachtung und offene Befragungen erfasst und
anschließend evaluiert werden.
Inhalt des Projektes:
1)
Die Fortsetzung der Lese- und Sprachkompetenz-Förderung
IN türkischen bzw. türkisch/kurdischen Familien durch
regelmäßiges Vorlesen von türkischen, kurdischen,
deutschen, englischen und zweisprachigen Kinderbüchern aus der
Cin Ali Lernklub - Bibliothek, die einmal wöchentlich mit
einem sozial-integrativen Bibliotheksangebot
in die zwölf Projekt-Familien kommt.
2)
Kontrolle und Kommunikation der Zielerreichung durch die
laufende und abschließende Dokumentation und
Berichte an Träger und Förderer.
3)
Begleitende sozialwissenschaftliche Feldforschung durch die
Methode der teilnehmenden Beobachtung, um das Projekt zu
evaluieren und die dadurch gewonnenen Erkenntnisse
dem Träger und dem Subventionsgeber zugänglich zu machen.
Projektphasen:
Vorbereitungsphase:
Von 30. August bis 3. Oktober wurde ein Konzept erstellt. Zwölf
interessierte Familien wurden nach einer Probezeit als
Projektfamilien aufgenommen und Förderungen beantragt.
Durchführungsphase (das ist der Förderzeitraum):
Die Durchführung des Projekts mit regelmäßigen wöchentlichen
Besuchen in den Projekt-Familien dauerte von 4. Oktober
2004 bis 4. Februar 2005. In und unmittelbar nach
diesem Zeitraum werden die anfallenden Daten aus der
teilnehmenden Beobachtung erfasst. In einem Zwischenbericht
und in weiteren Korrespondenzen wurden die Anliegen der
Zielgruppe im Sinne eines Vermittlungskreislaufes
dem Träger e. a. zur Kenntnis gebracht.
Nachbereitungsphase:
Das Projekt
wurde nach Abschluss der Arbeiten ab 15. Februar 2005
evaluiert. Die Evaluationsstudie wurde für die
beteiligten Institutionen vervielfältigt.
Die am Familien-Lernhilfe-Forschungsprojekt teilnehmenden 12
Familien haben insgesamt 33 Kinder, von denen aber nur 20 direkt
teilnahmen. Mehrere ältere Geschwister sind bereits verheiratet
und leben nicht mehr im elterlichen Haushalt, kommen aber oft
mit ihren Familien zu Besuch. Ein älterer arbeitender Bruder
wohnte noch im elterlichen Haushalt. Zwei ältere Brüder
(Hauptschule und Handelsakademie) wollen nicht teilnehmen. Vier
Kinder sind noch Kleinstkinder. Ein Kind ist noch nicht im
Kindergarten, nimmt aber mit Bilder- und Vorlesebüchern bereits
teil und kommt im Laufe des Projektzeitraumes in den
Kindergarten.
Im Laufe des Projektes kam eine Reihe von Personen – darunter
die Kinder von zwei neuen Projekt-Familien - zu diesen
Teilnehmern hinzu, sodass am Projektende 49 Teilnehmer (davon
fünf Erwachsene) aus insgesamt 31 Familien gezählt wurden, die
aktiv lernten, bzw Bücher ausliehen, bzw. einbezogen wurden.
Eine der Projektmütter wurde ebenfalls als Teilnehmerin der
Lernanimation aufgenommen, da sie verschiedene Medien auslieh
und verwendete. Die vier weiteren Erwachsenen kamen im Rahmen
der Paralleleprojekte Virtueller Sprachkurs und
Bilinguale Leseanimation als Leser dazu. Ein Kind kam im
Laufe des Projektes in den Kindergarten. Einige der kleinen
Geschwister wurden auch „Leser“ von ersten Bilderbüchern bzw.
waren im Rahmen der Lernhilfe öfters anwesend und wurde nach
Möglichkeit mit einbezogen, wie auch Besuchskinder stets mit
einbezogen wurden und an den Aktivitäten teilnehmen konnten.

1)
Die Durchführung
Die Arbeit verlief im eigentlichen Durchführungszeitraum
ruhig und weitgehend ungehindert, was die Kinder betraf. In
manchen Familien gab es in der Zeit Turbulenzen etwa durch
vorübergehende Arbeitslosigkeit zweier Väter, einen
Todesfall, eine durchgeführte und zwei geplante
Übersiedlungen, eine Gerichtsverhandlung, einen
Kuraufenthalt einer Mutter, einen Unfall eines Vaters und eine
Verletzung eines Kindes. Zwei der zwölf ursprünglichen
Projektmütter waren ständig berufstätig. Eine andere Mutter
suchte Arbeit und absolvierte mehrere kurze
Arbeitsverhältnisse. Drei Mütter traten in die Fahrschule ein
und eine Mutter besuchte einen Deutschkurs.
Für verschiedene Ausfälle sorgten der islamische Fastenmonat
Ramadan, die Herbst- und Weihnachtsferien und die Wienreise
der Projektleiterin anlässlich der Verleihung des
Europasiegels für innovative Sprachenprojekte 2004 an das
Trägerprojekt „Cin Ali Lernklub“. Kontakt zu Schulen
bzw. Lehrern gab es nur dreimal, zweimal noch vor oder am
Beginn der Durchführungsphase und einmal danach. Öfters wurde
den Müttern jedoch geholfen, Entschuldigungen zu schreiben
oder die Nachrichtenzettel der Lehrer zu verstehen. Ansonsten
wurde versucht die Kinder und Eltern zu verstärkten
Kommunikation mit der Schule und den Lehrer zu ermuntern, um
selbst ihre Anliegen einzubringen. Die Beobachtungen bezüglich
der Vorgänge in den dritten Leistungsgruppen waren sehr
ernüchternd für die Projektleiterin. Die dritten
Leistungsgruppen sind für die Kinder oft frustrierend.
Die 235 Familienbesuche im Projektzeitraum fanden in den
Wohnungen von 14 Familien statt. Dabei wurde eine
Nachbarsfamilie nur einmal zu einer Besprechung besucht. Das
jüngste Kind dieser Familie nahm jedoch öfters an den
Förderungen teil. Die anderen Familien wurden mindestens vier
bis höchstens 32-mal besucht, viermal war niemand da oder das
Projektkind war nicht da. Darüber hinaus fanden 27
Besprechungen in den Familien oder telefonisch statt. 44-mal
waren Kinder bzw. Kinder und Erwachsene einzelner Familien bei
anderen Projektfamilien während der Projektdurchführung zu
Besuch. Im Rahmen von sechs Besuchen in der öffentlichen
Bibliothek Telfs nahmen auch die Kinder von vier Familien teil
(insgesamt 12 Kinderbesuche in der Bibliothek)
Im Rahmen der Besuche durch die Projektleiterin fanden dann
verschiedene Aktivitäten statt. In Familien mit
Kindergartenkindern wurde mit den mitgebrachten Lern-Spielen
(Puzzles und Memories, aber auch erste Rechenspiele) gespielt
und mit Bilderbüchern gearbeitet. Erstklassler wurden bei den
Lese- und Schreibaufgaben unterstützt und zusätzlich wurden
Erstlesebücher und Spiele eingesetzt um das Lesen und Sprechen
zu üben. In diesen Familien war ein Elternteil fast immer
zugegen und beobachtete das Geschehen oder machte aktiv mit
oder half beim Übersetzen – bei Spielen oder beim Lesen und
Sprechen. Die größeren SchülerInnen hatten natürlich einen
sehr unterschiedlichen Hausaufgaben- und Lernhilfebedarf, den
sie im Laufe der Zeit immer besser und nachdrücklicher zu
formulieren lernten.
1)
Die Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen
Das
Eingangszitat von Dr. Kurt Scholz, „Wer früher fördert, fördert
besser.“, wird durch die Erfahrungen aus diesem Projekt
verifiziert. Das Fazit ist daher:
Je früher die häusliche Förderung und Lernhilfe - sowohl in der
Muttersprache als auch in der Unterrichtssprache - erfolgen,
desto mehr profitieren die Kinder vom schulischen und
außerschulischen Bildungssystem und desto geringer ist der
zeitliche Aufwand pro Woche und das vor allem in späteren
Schuljahren.
Auch die Zusammenarbeit mit den Müttern und Vätern erfolgt umso
effizienter, je früher sie beginnt.
Im
Idealfall wäre das sofort nach der Geburt, oder besser noch
während der Schwangerschaft. Die Einbindung der Mütter und Väter
im Rahmen von zweisprachigen Eltern-Kind-Zentren, und
das Angebot von frühen zweisprachigen Mutter-Kind-Angeboten
zum Deutschlernen aber auch zum Kennenlernen von
landesüblichen Frühförderspielen wären zur Kindergarten- und
Schulvorbereitung sehr dienlich. Zweisprachige Elternvereine
und Spielgruppen sowie außerschulische Freizeitangebote
mit Elterneinbindung während der gesamten Pflichtschulzeit
wären geeignet, die selbstbewusste Zweisprachigkeit der
Einwandererfamilien aus der Türkei soweit zu entwickeln, dass
auch die Beherrschung der Muttersprache in Wort und Schrift
erhalten bleibt und ein eventuelle spätere Rückkehr leichter
möglich ist. Allerdings war im Rahmen des Projektes auch sehr
klar zu erkennen, dass die junge Generation der Eltern (von
Kindern bis zu 15 Jahren), von denen oft ein Ehepartner schon in
Österreich aufgewachsen war, ein Ehepartner jedoch (fast) immer
aus der Türkei „eingeheiratet“ wurde, in der Regel keine
Rückkehrabsicht haben. In dieser Gruppe herrscht offensichtlich
die Überzeugung vor, dass vor allem die Kinder gut und rasch
Deutsch lernen sollten, damit sie hier eine gute Ausbildung und
Arbeitsstelle finden. Die Eltern stellen ihre persönlichen
Ambitionen daher zurück, was auch erklärt, warum gerade viele
Frauen am Deutschlernen kein Interesse zu haben scheinen.
Anstatt Interesselosigkeit ist das eher als eine andere
Prioritätensetzung zu betrachten.
Eine
erschütternde Erkenntnis aus diesem Projekt ist jedoch die
gravierende Unwissenheit der türkisch- gleich wie der
deutschsprachigen Erwachsenen bezüglich des Sprachenlernens im
Allgemeinen und die türkisch/deutsch/englische
Dreisprachigkeit der Einwandererkinder aus der Türkei im
Besonderen. Eine wesentliche Verbesserung der pädagogischen
Ausbildung auf diesem Gebiet (Deutsch als Fremdsprache,
Muttersprachlicher Unterricht) und zweisprachige
Elternbildung erscheinen daher für die Zukunft unerlässlich,
wenn sich die PISA-Ergebnisse dieser Schülergruppe nachhaltig
verbessern sollten.
Nur
eine verstärkte Leseförderung allein ist eindeutig
zuwenig!
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