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Leseprobe aus dem Kapitel: Die Toilette mit Betonboden (S.
107) Fate Muse hatte
einmal einen Toilettenboden aus Beton gesehen, als sie in der
Kreisstadt beim Arzt war. Der Betonboden war sogar mit
Marmorkacheln ausgelegt, auf denen man stand,
während man das Geschäft erledigte. Obwohl sich in diesem Boden
auch ein Loch befand, stank die Toilette nicht so schlimm wie
die im Dorf, weil man den Boden waschen konnte. Fate trug sich
seither mit der Idee, eine solche Toilette in der Nähe ihres
Hauses zu bauen, hatte aber bisher keine Möglichkeit dazu
gehabt. Selbst hatte sie kein Bargeld, um Zement und
Armierungseisen zu kaufen, und ihren Mann hätte sie nicht davon
überzeugen können; er hätte sicher bloß gesagt:
"Im ganzen Dorf gibt es seit jeher
diese Art von Toiletten. Alle sind zufrieden, warum du nicht? du
solltest in einem alten Dorf keine neuen Bräuche einführen."
Nun, bei dieser guten
Stimmung im Dorf (es sollte demnächst eine Wasserleitung in das
Dorf verlegt werden), sah Fate ihre Stunde gekommen. Sie würde
versuchen, die Nachbarinnen für ihre Idee zu gewinnen und so
ihren Mann zum Einlenken zu bewegen. Sie würde zuvor alles
mit den Nachbarinnen regeln und ihn dann vor vollendete
Tatsachen stellen. [..... ]
"Wir können heute noch soviel
reden, so viele Worte verschwenden, wie Mehl aus einem vollen
Sack rinnt, aber vergesst nicht, dass wir abhängig von ihrer
Gunst sind. Sie können Nein sagen, und wegen dieses einen
Wörtchens müssen wir weiterhin salziges Wasser aus dem Brunnen
trinken. Wie viele Kinder und auch Tiere schon daran gestorben
sind, wisst ihr viel besser als ich!", ereiferte sich Fate nun.
Kurzum: Wenn der Präfekt und der Mufti
in einem Monat zur Feier der Wasserleitung ins Dorf kämen, wolle
sie ihnen eine ordentliche Toilette bieten können, weil sonst
der Ruf des Dorfes ruiniert wäre. "Wir werden eine Toilette
bauen, wie wir sie in der Stadt gesehen haben!"
Die Frauen waren von
der Idee angetan. Allerdings brachten sie ihre Zustimmung nicht
ganz so offen zum Ausdruck, weil sie wussten, dass die
Sache nicht umsonst zu haben war. Hätten sie ihre Begeisterung
offen gezeigt, hätte Fate nicht gezögert, mehr von ihnen
einzufordern, als sie ohnehin vorhatte.
Fate war in ganz
geschäftige Stimmung geraten. "Als Erstes müssen wir Wolle
zusammentragen, am liebsten von der gewaschenen, die teurer ist.
Mit dem Erlös lassen wir Zement, Sand und Armierungseisen
kaufen. Ich werde unseren Fahrer losschicken, wenn mein Mann
unterwegs ist oder nach einem genüsslichen Mittagessen
schnarchend seinen großen Bauch ausruht. Er muss nicht alles von
Anfang an mitbekommen. Der Diesel geht auf meine Kosten."
[.......]
So hat das Dorf in
seiner Geschichte das erste Mal eine Toilette mit Betonboden
gesehen, den man täglich sauber wusch, obwohl noch niemand die
Toilette benutzen durfte. Denn eingeweiht sollte sie vom Mufti
und vom Präfekten werden. .....
In dem Kapitel über die Toilette mit Betonboden zeigt Yusuf
Yeşilöz augenzwinkernder und mit überaus spitzer Feder die
diffizilen Verhaltensweisen der anatolischen Dorffrauen, wenn es
darum geht ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Damit gibt er
tiefe Einblicke in eine Gesellschaft mit getrennter Frauen- und
Männerwelt, in der das "schwache" Geschlecht sich durchaus
- wenn auch zumeist recht umständlich! - zu ihrem Recht
verhilft. |