Yeşilöz, Yusuf


Der Imam und die Eselin
Roman


168 S.,

mit Lesebändchen - 20,4 x 12,5 cm, Gb , 1. Aufl. 03.2004

CHF 28.00   € 17,00 

ISBN 3-85869-270-0

Rotpunktverlag.

Rezension:

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Leseprobe aus dem Kapitel: Die Toilette mit Betonboden (S. 107)

   Fate Muse hatte einmal einen Toilettenboden aus Beton gesehen, als sie in der Kreisstadt beim Arzt war. Der Betonboden war sogar mit Marmorkacheln ausgelegt,   auf denen man stand, während man das Geschäft erledigte. Obwohl sich in diesem Boden auch ein Loch befand, stank die Toilette nicht so schlimm wie die im Dorf, weil man den Boden waschen konnte. Fate trug sich seither mit der Idee, eine solche Toilette in der Nähe ihres Hauses zu bauen, hatte aber bisher keine Möglichkeit dazu gehabt. Selbst hatte sie kein Bargeld, um Zement und Armierungseisen zu kaufen, und ihren Mann hätte sie nicht davon überzeugen können; er hätte sicher bloß gesagt:

"Im ganzen Dorf gibt es seit jeher diese Art von Toiletten. Alle sind zufrieden, warum du nicht? du solltest in einem alten Dorf keine neuen Bräuche einführen."

   Nun, bei dieser guten Stimmung im Dorf (es sollte demnächst eine Wasserleitung in das Dorf verlegt werden), sah Fate ihre Stunde gekommen. Sie würde versuchen, die Nachbarinnen für ihre Idee zu gewinnen und so ihren Mann zum Einlenken zu bewegen. Sie würde zuvor alles  mit den Nachbarinnen regeln und ihn dann vor vollendete Tatsachen stellen. [..... ]

  "Wir können heute noch soviel reden, so viele Worte verschwenden, wie Mehl aus einem vollen Sack rinnt, aber vergesst nicht, dass wir abhängig von ihrer Gunst sind. Sie können Nein sagen, und wegen dieses einen Wörtchens müssen wir weiterhin salziges Wasser aus dem Brunnen trinken. Wie viele Kinder und auch Tiere schon daran gestorben sind, wisst ihr viel besser als ich!", ereiferte sich Fate nun.

Kurzum: Wenn der Präfekt und der Mufti in einem Monat zur Feier der Wasserleitung ins Dorf kämen, wolle sie ihnen eine ordentliche Toilette bieten können, weil sonst der Ruf des Dorfes ruiniert wäre. "Wir werden eine Toilette bauen, wie wir sie in der Stadt gesehen haben!"

    Die Frauen waren von der Idee angetan. Allerdings brachten sie ihre Zustimmung nicht ganz so offen zum Ausdruck,  weil sie wussten, dass die Sache nicht umsonst zu haben war. Hätten sie ihre Begeisterung offen gezeigt, hätte Fate nicht gezögert, mehr von ihnen einzufordern, als sie ohnehin vorhatte.

    Fate war in ganz geschäftige Stimmung geraten. "Als Erstes müssen wir Wolle zusammentragen, am liebsten von der gewaschenen, die teurer ist. Mit dem Erlös lassen wir Zement, Sand und Armierungseisen kaufen. Ich werde unseren Fahrer losschicken, wenn mein Mann unterwegs ist oder nach einem genüsslichen Mittagessen schnarchend seinen großen Bauch ausruht. Er muss nicht alles von Anfang an mitbekommen. Der Diesel geht auf meine Kosten." [.......]

    So hat das Dorf in seiner Geschichte das erste Mal eine Toilette mit Betonboden gesehen, den man täglich sauber wusch, obwohl noch niemand die Toilette benutzen durfte. Denn eingeweiht sollte sie vom Mufti und vom Präfekten werden. .....

In dem Kapitel über die Toilette mit Betonboden zeigt Yusuf Yeşilöz augenzwinkernder und mit überaus spitzer Feder die diffizilen Verhaltensweisen der anatolischen Dorffrauen, wenn es darum geht ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Damit gibt er tiefe Einblicke in eine Gesellschaft mit getrennter Frauen- und Männerwelt, in der das "schwache" Geschlecht sich durchaus  - wenn auch zumeist recht umständlich! - zu ihrem Recht verhilft.