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Leseprobe aus dem Buch: Der Gast aus dem Ofenrohr S.
104: Wie ein Magengeschwür einem Flüchtling half, Deutsch zu
lernen.
Ort: Im Krankenhaus:
"Ich war auch gezwungen, mit den zum
Teil sehr gesprächigen Mitpatienten zu sprechen. Nach und nach
eignete ich mir durch diese Gespräche einige Deutschkenntnisse
an. […]
Jede
Krankenschwester trug ein Namensschildchen an der Brust, aber
ich konnte mir die ausländischen Namen, denen ich zum ersten Mal
begegnete, nicht merken, deshalb nannte ich die Schwestern für
mich die Alte, die Junge, die Graue, die Blonde, Kurzhaar,
Langhaar sowie Langblond. Einem Mann mit rundem Gesicht, kleiner
Nase und Bart gab ich den Übernamen eines unserer Nachbarn im
Dorf: Pum, die Eule. Langblond besaß ein türkisch-deutsches
Wörterbuch mit gelbem Umschlag. Mit Hilfe dieses Wörterbuches
gelang es ihr, mir verständlich zu machen, dass sie es auf
eigene Kosten gekauft habe und es mir gerne schenken würde. Ich
wusste schon, wie man auf Deutsch „Danke“ sagt.
An jenem Abend, als
die Krankenschwester mir das Wörterbuch schenkte, konnte ich
meinen Zimmergenossen, die sich dafür interessierten, warum ich
in die Schweiz gekommen war, beibringen, dass ich wegen Büchern
fliehen musste. Ich suchte das Wort „kitap“, fand die deutsch
Bezeichnung „Buch“ und das Wort „okumak“, „lesen“, und das Wort „kaçmak“,
„fliehen“. Am nächsten Tag telefonierte der Leidensgenosse, den
ich „Bart mit Brille“ nannte, seiner Frau, und sie brachte mir
ein gelbes Buch mit einem schwarzen Mädchenkopf darauf. Es
handelte sich um „Meine Schwester Goldi“ von Marit Kalstadt.
„Bart mit Brille“ brachte mir dann mit Hilfe des Wörterbuches
bei, es handle sich um ein Jugendbuch, mit dem man leichter
Deutsch lernen könne als mit Büchern für Erwachsene. Seine Frau
sei Lehrerin, die auch Kinder von ausländischen Gastarbeitern
unterrichte. Ich bedankte mich, ohne in das Wörterbuch zu
schauen, bei ihm und seiner Frau, die mich mit lächelndem Gesicht
liebevoll anschaute, und betrachtete das Geschenk. Die
Überschrift des Buches konnte ich nicht verstehen, bewunderte
aber, wie schön das Buch gebunden war. Auch die Zeichnungen
darin, die keine Übersetzung brauchten, waren schön.
Ich las das Buch,
schlug die Wörter im Wörterbuch nach, schrieb sie auf einen
Zettel, damit ich sie üben konnte. Ich hatte mir vorgenommen,
jeden Tag, den ich mit meinem Magengeschwür im Krankenbett
verbrachte, zehn neue Wörter zu lernen. Diese Beschäftigung fing
an mir zu gefallen, und lenkte mich von den Magenschmerzen ab.
Als ich nach fünfzehn Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde,
überprüfte ich den Lernerfolg, indem ich die Seite der deutschen
Wörter mit einem Blatt zudeckte und auf die türkischen Wörter
schauend die deutsche Bedeutung laut aussprach. Noch während ich
an der Haltestelle auf den Bus wartete, stellt ich fest, dass
ich zwar nicht hundertfünfzig Wörter konnte, aber immerhin die
Hälfte davon." |