Yeşilöz, Yusuf


Der Gast aus dem Ofenrohr

204 S. - 13 x 21 cm,

CHF 30,00   € 17,00 

ISBN 3-85869-230-1

Rotpunktverlag

 

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Leseprobe aus dem Buch: Der Gast aus dem Ofenrohr

S. 104: Wie ein Magengeschwür einem Flüchtling half, Deutsch zu lernen.

    Ort: Im Krankenhaus:

   "Ich war auch gezwungen, mit den zum Teil sehr gesprächigen Mitpatienten zu sprechen. Nach und nach eignete ich mir durch diese Gespräche einige Deutschkenntnisse an. […]

    Jede Krankenschwester trug ein Namensschildchen an der Brust, aber ich konnte mir die ausländischen Namen, denen ich zum ersten Mal begegnete, nicht merken, deshalb nannte ich die Schwestern für mich die Alte, die Junge, die Graue, die Blonde, Kurzhaar, Langhaar sowie Langblond. Einem Mann mit rundem Gesicht, kleiner Nase und Bart gab ich den Übernamen eines unserer Nachbarn im Dorf: Pum, die Eule. Langblond besaß ein türkisch-deutsches Wörterbuch mit gelbem Umschlag. Mit Hilfe dieses Wörterbuches gelang es ihr, mir verständlich zu machen, dass sie es auf eigene Kosten gekauft habe und es mir gerne schenken würde. Ich wusste schon, wie man auf Deutsch „Danke“ sagt.

    An jenem Abend, als die Krankenschwester mir das Wörterbuch schenkte, konnte ich meinen Zimmergenossen, die sich dafür interessierten, warum ich in die Schweiz gekommen war, beibringen, dass ich wegen Büchern fliehen musste. Ich suchte das Wort „kitap“, fand die deutsch Bezeichnung „Buch“ und das Wort „okumak“, „lesen“, und das Wort „kaçmak“, „fliehen“. Am nächsten Tag telefonierte der Leidensgenosse, den ich „Bart mit Brille“ nannte, seiner Frau, und sie brachte mir ein gelbes Buch mit einem schwarzen Mädchenkopf darauf. Es handelte sich um „Meine Schwester Goldi“ von Marit Kalstadt. „Bart mit Brille“ brachte mir dann mit Hilfe des Wörterbuches bei, es handle sich um ein Jugendbuch, mit dem man leichter Deutsch lernen könne als mit Büchern für Erwachsene. Seine Frau sei Lehrerin, die auch Kinder von ausländischen Gastarbeitern unterrichte. Ich bedankte mich, ohne in das Wörterbuch zu schauen, bei ihm und seiner Frau, die mich mit lächelndem Gesicht liebevoll anschaute, und betrachtete das Geschenk. Die Überschrift des Buches konnte ich nicht verstehen, bewunderte aber, wie schön das Buch gebunden war. Auch die Zeichnungen darin, die keine Übersetzung brauchten, waren schön.

    Ich las das Buch, schlug die Wörter im Wörterbuch nach, schrieb sie auf einen Zettel, damit ich sie üben konnte. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag, den ich mit meinem Magengeschwür im Krankenbett verbrachte, zehn neue Wörter zu lernen. Diese Beschäftigung fing an mir zu gefallen, und lenkte mich von den Magenschmerzen ab. Als ich nach fünfzehn Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, überprüfte ich den Lernerfolg, indem ich die Seite der deutschen Wörter mit einem Blatt zudeckte und auf die türkischen Wörter schauend die deutsche Bedeutung laut aussprach. Noch während ich an der Haltestelle auf den Bus wartete, stellt ich fest, dass ich zwar nicht hundertfünfzig Wörter konnte, aber immerhin die Hälfte davon."