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Leseprobe aus einer Geschichte aus dem Buch Oberkanakengeil:
Der Vaterlandsverräter
"Herr Engin, ich freue mich, den bekanntesten türkischen
Hip-Hop-Musiker Europas hier in meiner Talkshow als Gast zu
haben!"
"Ich und Musiker? Ich hasse Musik! Ich hasse
jede Art von Musik und alles Kassettenrekorder! Ganz besonders
hasse ich den Kassettenrekorder von meinem Sohn Mehmet!"
"Was ist denn das für ein
Spinner?", fragt der Fernsehmoderator einen der vielen
Wichtigtuer, die im Studium rumlaufen.
"Der glaubt er wäre ein
Schriftsteller!", lächelt der Wichtigtuer mit dem rosafarbenen
Seidenhemd. "Herr
Engin, ich freue mich den bekanntesten türkischen Schriftsteller
Europas hier in meiner Talkshow als Gast zu haben!"
"Ich bedenke mich für Ihre
freundliche Einladung und bin auch sehr Glücklich, dass ich ..."
"Halt, halt, Sie sind noch
nicht dran! wir sind noch nicht auf Sendung! Sind Sie blind?
Sehen Sie nicht, dass das rote Licht noch nicht an ist?!"
"Das mag für Sie ja so sein,
aber ich kann auch ohne rotes Licht glücklich sein. Ich bin
bescheiden." "Herr
Engin", schleimt mich gleich darauf der Fernsehmoderator an,
"ich freue mich, den bekanntesten türkischen Schriftsteller
Europas hier in meiner Talkshow als Gast zu haben! Hier in der
Heimat sind wir sehr, sehr Stolz auf Sie!"
"Ich freue mich ja auch, hier
zu sein, aber worauf sind Sie denn jetzt stolz?" wundere ich
mich. "Seien Sie
doch nicht so bescheiden, Herr Engin. Sie wissen doch selbst,
warum wir so stolz auf Sie sind", sagt er und lächelt die Kamera
an. Meine Frau
Eminanim hat mich in de r5Türkei gleich bei zwei Dutzend kleinen
Fernsehsendern als "Gastarbeiter, der alleine lesen und
schreiben kann" denunziert. In der Hoffnung, so den teuren
Sommerurlaub finanziert zu bekommen. diese privaten
Fernsehsender vermehren sich dort wie die vielen Millionen
Arbeitslosen in Nürnberg.
"Aber Herr Engin, Sie sind doch einer unserer Künstler im
europäischen Ausland. Unsere ganze Nation ist stolz auf Sie."
"Ach sagen Sie bloß, haben
Sie etwa meien Bücher gelesen?"
"Öhm.... eh.... direkt gelesen nicht."
"Indirekt?"
"Hmm... öhm..."
"Haben Sie überhaupt schon
mal ein Buch gelesen?"
"Hmm... ja ja ..."
"Wissen sie überhaupt, wie ein Buch aussieht? ich gebe Ihnen
einen Tipp: man kann es nicht essen und es hat keinen Busen."
"Ehhe... höh.... aber das tut
ja auch nichts zur Sache. Wichtig ist nur, die gesamte Türkei
einschließlich Zypern und Nordirak ist stolz auf Sie!"
"Können wir nicht über was
anderes reden als darüber, wer stolzer als der andere ist?"
"Wollen Sie hier jetzt etwa
neue Sitten einführen? Ich will doch nur hören, dass Sie auf
unser Land ebenfalls stolz sind!"
"Eigentlich nicht so sehr."
"Wie bitte? Herr Engin, Sie
leben ja nun schon seit langen Jahren im Ausland und sind
gezwungen, auf Deutsch zu schreiben, darunter hat Ihr Türkisch
gelitten. Sie haben sich eben falsch ausgedrückt. Eigentlich
wollten sie doch sagen: Ich bin stolz, ein Türke zu sein!"
"Ich bin stolz, die dreißig
Jahre Ehe mit meiner Frau überlebt zu haben."
"Wurden Sie durch die PKK,
die IRA, die ETA, die CIA, die Mafia, die Frauenbewegung oder
eine andere Terrororganisation zu der Aussage 'Ich bin nciht
stolz auf mein Land' gezwungen?"
"Aber Herr Moderator, warum sollte ich denn auf ein Land stolz
sein? Also auf Steine, Sand und Erde, die seit Millionen von
Jahren existieren und denen völlig egal ist, wer auf ihnen
herumturnt?" .... Die Fernsehsendung nahm von da ab
eine für den Moderator unvorhersehbare Wendung. Als Osman
Engin sich viel später an diesem bemerkenswerten Abend endlich
in einem Hotelzimmer vor den Fernseher setzte und einschaltete
hört er dies: "Aus Anlass
der aktuellen Ereignisse sehen wir uns gezwungen, unser Programm
zu ändern...." sagte die Sprecherin mit bedrückter Stimme.
"Schon wieder ein Erdbeben?"
fragte sich Osman Engin.
"Viel schlimmer als ein Erdbeben", antwortete sie, "Die Unruhen,
die durch dieses verhängnisvolle Interview verursa......."
Halt! Mehr soll hier nicht über den neugeborenen
Vaterlandsverräter verraten werden. Nur soviel: Buch
ausleihen, selber lesen und "Achtung: Zwerchfellattacke!" |