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Bibliotheksbau in Deutschland – fünf Bausteine
Wolfram Henning

1. Der Grundbaustein
Die Bezeichnung steht für die ganz normale kleine Bibliothek, die keine Flächenrekorde bricht und es selten auf die Hochglanzseiten der Bauzeitschriften schafft. Aber sie kann intelligent konzipiert und anregend gestaltet sein.
Die Stadtteilbücherei Stuttgart-West im bräunlichen Klinkerbau eines Bürgerzentrums überrascht auf unkompliziertem rechteckigen Grundriss durch heiter-helle Farbgestaltung und ein differenziertes Raumprogramm mit einem spezifischen Bereich für junge Leute. Akustisch hat sie das Problem aller kleinen Einraumbibliotheken: die Unterscheidung laut und leise funktioniert im Grundriss, aber nicht im Raum. Zur technischen Ausstattung gehören W-LAN und Verbuchung mit RFID.
Eröffnung: 2005
Fläche: 450 m²
Finanzierung: Stadt Stuttgart, Bau 500.000 Euro, Einrichtung 80.000 Euro

2. Der Bodenseekiesel
Friedrichshafen am Bodensee kam zu einem "Medienhaus am See", d.h. das städtische Bemühen um Belebung der Innenstadt führte zu Verlagerung und Aufwertung der Stadtbücherei. Ein leerstehender Sparkassenbetonbau wurde zu einem kombinierten Geschäfts- und Medienhaus umgestaltet. Die Bestände sind nach Themeninseln in modernem Design präsentiert. Das besondere Licht am See, spiegelnde Wasserflächen und der Ausblick auf die Schweizer Berge wurden zu Bestandteilen der Bibliotheksinszenierung. Der an das gläserne Medienhaus angelagerte schwarze "Kiesel" birgt einen Veranstaltungssaal.
Eröffnung: 2007
Fläche: 2.583 m²
Finanzierung: Bau 7,729 Millionen Euro, Einrichtung 849.000 Euro. Der Gebäudekomplex insgesamt wurde nach einem Public-Private-Partnership-Modell finanziert. Die Baukosten der Stadt wurden aus dem Haushalt der Zeppelin-Stiftung finanziert, außerdem erhielt die Stadt einen Zuschuss aus dem Bund-Länder-Sanierungs- und Entwicklungsprogramm.

3. Der "vergoldete" EU-Baustein
Luckenwalde, südlich von Berlin, wurde nach dem Untergang der DDR zur schrumpfenden Stadt. Die Stadt verlor 6.000 ihrer 27.000 Einwohner. Die Bibliothek im denkmalgeschützten, aber verkommenen Bahnhof wird einen Schandfleck ersetzen und zugleich städtebaulichen wie soziokulturellen Entwicklungszielen dienen. Die ehemalige Bahnhofshalle bildet das Zentrum der Bibliothek. Wartesäle und Gaststättenräume sind für Sachbuch und Belletristik bestimmt. Ein moderner Anbau für die Kinderbibliothek wird momentan "vergoldet". - Auf dem Bahndamm oberhalb der Bibliothek halten weiterhin die Züge von und nach Berlin. Eröffnung: 19. Juni 2008
Fläche: 950 m²
Finanzierung EU-Fördermittel (URBAN) 2.117.290 Euro
Bundesmittel: 427.570 Euro
Landesmittel: 427.570 Euro
Kommunaler Anteil: 427.570 Euro
Dazu städtische Mittel für Ausstattung der Bibliothek: 325.750 Euro
Zitat: "Der ganze Bahnhof ist wirklich eine Extrawurst".

4. Der Bildungsbaustein
Stararchitekt Sir Norman Foster baute "The brain", die neue Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin. Eine gekrümmte Schale umschließt die Lesesaalebenen , die wie die schwingenden Ränge eines Theaters angeordnet sind. Die Bibliothek ersetzt zehn kleinere Bibliotheken, die bisher über den Campus verteilt waren. Die Bibliothek ist weder erweiterbar noch im Innern veränderbar, insofern ein skulpturaler Gebäudetyp. Jedoch Wahrzeichenwirkung nach außen und starke Innenraumerlebnisse. Aktuelles Hauptproblem: Die ca. 650 Lesesaalplätze reichen nicht aus, Vorbestellungen werden angenommen.
Eröffnung: 2005
Fläche: 6.290 m²
Finanzierung: Land Berlin und Universität, ca. 20 Millionen Euro. Wegen "Deckelung" der Baukosten mussten das oberste Geschoss und das Kellergeschoss gestrichen werden. Generell: ab 1. Januar 2007 Abschaffung des Hochschulbauförderungsgesetzes, das die Bundeszuschüsse für den Bau von Universitätsbibliotheken regelte.

5. Der Hochkulturbaustein
Drei Ereignisse prägen die jüngste Geschichte der Anna Amalia Bibliothek in Weimar: der furchtbare Brand vom 2. September 2004, ein Teil der Bestände ging unwiderbringlich verloren; 2007 wurde die restaurierte Bibliothek mit dem berühmten Rokokosaal , deren Leitung Goethe 35 Jahre lang innehatte, glanzvoll wiedereröffnet; bereits im Jahr 2005 wurde das große Studienzentrum der Bibliothek eingeweiht. Ein bibliothekarisches Gesamtkonzept wird heute erlebbar: Von der Fürstenbibliothek zur Forschungsbibliothek.
Baulich geht es um Restaurierung des Grünen Schlosses, um Umnutzung weiterer historischer Bauten und um die Errichtung von Eingangsneubau und Bücherkubus. Dieser Bücherkubus ist das Kernstück des Studienzentrums. Unterirdisch entstand ein zweigeschossiges Tiefmagazin. Alle Teile des Gebäudeensembles sind unterirdisch miteinander verbunden. Eröffnung: Studienzentrum 2005, restauriertes Grünes Schloss 2007
Fläche: 6.218 m² (nur Studienzentrum)
Finanzierung Studienzentrum: Bundes- und Landesmittel Studienzentrum 21,1 Millionen Euro mit Inventar


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